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Niedrige Löhne, ehrgeizige, junge Menschen, mutige Reformen: Neben China und Indien entwickelt sich Vietnam zum neuen Star in Asien.
Es ist ein lauschiges Fleckchen in Vietnams hektischer Hauptstadt Hanoi: Ockerfarbene Flachbauten umrahmen einen weitläufigen Park. Über dem kurz geschnittenen Rasen rascheln Kokospalmen im Wind. Dazwischen schlendern kleine Gruppen junger Leute. Hier, auf dem Campus der University of Technology, sind der Lärm und die Hektik der Innenstadt ganz weit weg.
Die Universität gehört zu den besten des Landes. Elektrotechnik, Maschinenbau und Verfahrenstechnik studieren die jungen Leute. Wer den Abschluss schafft, braucht sich um einen Job keine Sorgen zu machen. Unternehmen aus dem In- und Ausland warten schon mit lukrativen Verträgen. Einer von ihnen ist Hoa Trong Tung. „Am liebsten würde ich für eine Firma aus Europa oder Amerika arbeiten“, sagt der Vietnamese, „da verdient man mehr und die Aufstiegsmöglichkeiten sind besser.“
Die Chancen stehen für Tung nicht schlecht. Vietnam erlebt schon seit einigen Jahren einen starken Aufschwung. Unternehmen aus den USA, Europa und Japan wollen davon profitieren. Es locken niedrigere Löhne als beim großen Nachbarn China, ehrgeizige, junge Menschen – und eine Regierung, die es ernst meint mit wirtschaftlichen Reformen in einem Land, das der Fläche nach fast so groß ist wie Deutschland und mit 85 Millionen Einwohnern ein klein wenig mehr Einwohner hat. Doch damit enden die Ähnlichkeiten auch schon: Um 8,2 Prozent wird Vietnams Wirtschaftsleistung in diesem Jahr zulegen, prognostizieren die Analysten des Investmenthauses Vina Capital in Ho-Chi-Minh-Stadt, dem früheren Saigon. Damit wird das Land beim Wirtschaftswachstum nur noch von China übertroffen. Vor allem aber: Fast die Hälfte der Vietnamesen ist unter 24 Jahre. Schon diese demografische Struktur verspricht ein dynamisches Wirtschaftswachstum. „Vietnam“, resümiert Don Lam, CEO bei Vina Capital, „wird nach China und Indien die dritte große Wachstumsstory in Fernost.“
Schon Anfang der Achtzigerjahre versuchte die damalige Regierung unter dem Motto Doi Moi (Renovierung) mit ersten Reformen dem chinesischem Vorbild zu folgen, mit mäßigem Erfolg. 1997 schlug die Asienkrise zu. Gleichzeitig trat die vietnamesische Regierung bei den Reformen scharf auf die Bremse. Doch das ist jetzt vergessen. Der anhaltende Aufschwung im Nachbarland China gab auch in Vietnam den Modernisierern Auftrieb. Jetzt rollt die zweite Renovierungswelle: Doi Moi 2.0.
Wie in Shanghai prägen auch in Hanoi, Ho-Chi-Minh-Stadt und Danang Geschäfte internationaler Nobelmarken wie Gucci, Louis Vuitton oder Prada das Straßenbild. Vom Einkaufen erholen sich die jungen Aufsteiger in teuren französischen Restaurants. Um 24 Prozent legten die Umsätze im Einzelhandel in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zu.
Die Kaufkraft stammt zum Teil aus dem boomenden Export. Schon seit 1990 steigen die Ausfuhren schneller als in China. Unternehmen wie Canon, Panasonic und Samsung ziehen in Hanoi eine Fabrik neben der anderen hoch. Der amerikanische Chiphersteller Intel wird demnächst für eine Milliarde Dollar in Ho-Chi-Minh-Stadt eine neue Fabrik bauen. Insgesamt 14 Milliarden Dollar, 50 Prozent mehr als im Vorjahr, werden ausländische Firmen in diesem Jahr in Vietnam investieren, prognostizieren die Analysten von Vina Capital. Das ist zwar nur ein Viertel dessen, was ausländische Unternehmen jedes Jahr nach China pumpen. Doch China ist auch 30-mal so groß und hat 15-mal so viele Einwohner.
Die meisten Investoren kommen aus Japan, Taiwan, Singapur und Südkorea. Deutschen Unternehmen halten sich dagegen bislang eher zurück. Zwar betreiben Hemdenhersteller wie van Laack aus Mönchengladbach, Seidensticker oder der Miederwarenhersteller Triumph bereits seit vielen Jahren erfolgreich Fabriken in Vietnam. Auch die Metro, inzwischen mit acht Großmärkten präsent, plant in nächster Zeit weitere zu eröffnen. Und nicht zuletzt ist Daimler einer der großen Investoren. Doch unterm Strich, so Jan Noether, Chef der deutschen Auslandshandelskammer in Ho-Chi-Minh-Stadt, „läuft es immer noch sehr schleppend“. Gerade mal 6,5 Millionen Dollar haben deutsche Unternehmen im vergangenen Jahr in Vietnam investiert. Erst in den letzten Monaten haben „die Nachfragen aus Deutschland deutlich zugenommen“, sagt der Deutsche.
Einer von ihnen ist Thomas Schneider, der seit 18 Jahren im südchinesischen Guangzhou bei Hongkong seine Lederfabrik ISA Industrial betreibt. Schneider beliefert in China Mazda und Ford mit hochwertigem Leder für Pkw-Sitze, aber auch die Schuhhersteller Timberland, Puma und Rockport gehören zu seinen Kunden. Jetzt aber will ihm die Regierung in Peking Zoll- und Steuerprivilegien streichen und darum flog der Deutsche nach Hanoi, um sich ein Stück Land für eine neue Fabrik zu sichern. Außerdem, sagt er, seien die Löhne in Vietnam ja auch noch niedriger als in China.
Doch nicht nur die um bis zu 40 Prozent niedrigeren Arbeitskosten machen Vietnam zu einem attraktiven Standort und zu einer interessanten Alternative zu China. Seit das Land im Januar dieses Jahres in die Welthandelsorganisation (WTO) aufgenommen wurde, hat die Regierung unter Premierminister Nguyen Tan Dung die Investitionsbedingungen erheblich verbessert. Ein neues Gesetz beschleunigt die Genehmigung von Investitionen und auch der der Erwerb von Grundstücken fallt Ausländern nun erheblich leichter. Dazu kommen Steuer- und Zollsenkungen, außerdem hat die Regierung eine Reihe von Branchen für ausländische Beteiligungen geöffnet. Dazu gehören unter anderem auch Schlüsselindustrien wie der Energie- und der Telekomsektor, Versicherungen und Banken sowie die Pharmaindustrie. „All das wird in den kommenden Jahren einen regelrechten Investitionsboom auslösen“, ist sich Vina-Capital-CEO Lam sicher.
Dies liegt auch am gesicherten Nachschub junger Arbeitskräfte. Nach einer Rechnung der Asiatischen Entwicklungsbank steigt das Angebot an Arbeitskräften in Vietnam jährlich um 2,6 Prozent und damit doppelt so stark wie im asiatischen Durchschnitt. Das Wachstum der Bevölkerung liegt bei 1,3 Prozent, 0,4 Prozentpunkte über dem Durchschnitt in Fernost.
Einziges Manko: qualifizierte Fachkräfte sind immer noch rar. Rund 16 Prozent eines Jahrgangs besuchen in Vietnam eine Hochschule, der Durchschnitt in Asien liegt bei 20 Prozent. Gute Bildungseinrichtungen wie die University of Technology in Hanoi gibt es immer noch viel zu wenig. Wegen dieses Engpasses steigen die Gehälter für Fachkräfte zwischen 30 und 50 Prozent im Jahr, so eine aktuelle Studie der Deutschen Bank. Zu den Schattenseiten des Booms in Vietnam gehört auch die hohe Inflation. Mit 8,8 Prozent im Jahresvergleich erreichte die Rate im September einen neuen Rekord. Hauptursache für die kräftige Preissteigerung ist die erntebedingte Knappheit bei Nahrungsmitteln.
Engpässe machen sich in jüngster Zeit auch bei der Infrastruktur bemerkbar. Die Häfen, Flughäfen und das Straßennetz sind hoffnungslos überlastet. Der Ausbau kommt bisher nur zögerlich voran. „Hier hat China mit seiner guten Infrastruktur noch einen großen Vorsprung“, sagt der deutsche Wirtschaftsvertreter Noether. Doch immerhin will die Wirtschaftsmetropole Ho-Chi-Minh-Stadt nun den Bau einer U-Bahn in Angriff nehmen – Investitionsvolumen: eine knappe Milliarde Dollar. Siemens, so heißt es in Ho-Chi-Minh-Stadt hofft bereits auf Aufträge, und auch Elektrotechnik-Student Tung gerät angesichts solcher Dimensionen ins Schwärmen: „Dort einen Job zu bekommen, wäre natürlich das allerbeste."
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